Acting for Freedom
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When visiting Jenin, one should go to the theater. It is a community place for resistance, a refuge for the displaced, and a training site for actors and directors. The “Freedom Theater” is located in the Jenin refugee camp, in the northern part of the West Bank. The artistic venue has a long tradition in the war for the Holy Land, but also in the peace efforts in the Palestinian-Israeli conflict. After the mysterious murder of the charismatic director Juliano Mer-Khamis in 2011, the Swedish-Israeli co-founder, Jonatan Stanczak, has taken over management of the theater house. We talked to him about the future of the theater.

 

Eva Linder (EL): Mr. Stanczak, what are your plans for the future of the theater? 

Jonatan Stanczak (JS): We see the Freedom Theater as a very important part of the Palestinian resistance culture because resistance without culture would produce a new form of oppression following the older one. Culture is a network, which connects us humans, and enables us to create a community. Our work in theater wants to question and scrutinize the norms in society and its power structures. Our vision is to be a well-known center for resistance in Palestine, and to face the challenges of the occupation.

EL: What are these challenges?

JS: We are talking about four kinds of occupation: First, it is the Israeli occupation, then four internal occupations: the Palestinian Authority, capitalist economy and the financial aid from abroad. The fourth and most important occupation is the self-inflicted oppression. They cannot be fought isolated; they are interdependent. Everything begins with us and that is where we come in as theater.

EL: The first theater manager, Juliano Mer-Khamis, was shot dead on the street in his car. It is unclear until today, whether the perpetrator came from Israel, from the Palestinian Authority, or even from the ranks of the resistance. The murder has still not been solved. Are your plans for the theater based on Mer-Khamis’ plans?

JS: It is hard to tell, because one can hardly say what Juliano Mer-Khamis wanted. He had a very complex personality. But since I worked with him for about four years, I think this is what he also wanted and how he analyzed the situation. The situation in Palestine is also not unique. It is the situation of every oppressed society, whether we speak about the natives or African-Americans in the U.S. or about every post-colonial country that is dealing with internal conflicts. We have to step out of our victim role and immaturity, and not let ourselves be manipulated by external powers anymore. That is also what we have shown in our play A Suicide Note from Palestine, which was staged in Berlin.

EL: In the past, plays often treated topics, such as the occupation and the suffering of Palestinians. Today, they focus on Palestinian society, the family, the role of women and children. Why has this changed?

JS: Actually, it has not changed; we have always dealt with internal and external conflicts. The first play of the theater was Animal Farm about the mechanisms of oppression, and then Juliano staged – as a last play, before his death – Alice in Wonderland. It deals with the role of women, with desire, love, expectations, oppression and power. And after his death, we staged plays dealing with the structures of society.

EL: Was it difficult to maintain the motivation of the student actors after the murder of the beloved director?

JS: Motivation was not the problem, but rather the internal conflicts. All suspected and accused each other of being traitors or complicit in the crime. Everybody was afraid. Now, we have regained our old shape and form. We are currently working on three plays simultaneously, and in 2015, we will be touring with The Siege in the United States and England.

EL:What do you want to change in the future?

JS: We want to work with children more. But we cannot finalize a full program yet. That is because children’s theater is seen as something simple and not particularly challenging. However, it requires high skills, specialization and a lot of patience. It takes a lot of time to change the views on children’s theater. We have tried it often, and we failed. We want to stick to it, nonetheless.

 

The Freedom Theater is located in the refugee camp, which can be reached within fifteen minutes walk from its center. Students on-site tell visitors about the history of the theater, the theater program, or take them on tours to the rooms in the building. 

Wer Jenin besucht, sollte ins Theater gehen: Es ist der Platz für den Widerstand, Zufluchtsort für Vertriebene und Ausbildungsstätte für Schauspieler und Regisseure. Das „Freedom Theatre“ im Flüchtlingslager Jenin, im Norden des Westjordanlandes, hat eine lange Tradition im Krieg um das Heilige Land aber auch in der israelisch-palästinensischen Friedensarbeit. Nach der rätselhaften Ermordung des charismatischen Direktors Juliano Mer-Khamis vor drei Jahren hat der schwedisch-israelische Mitgründer Jonatan Stanczak das palästinensische Schauspielhaus als Geschäftsführer übernommen. Mit ihm haben wir über die Zukunft des Theaters gesprochen.

                                         

Eva Lindner (EL):  Herr Stanczak, was sind ihre Pläne für das Freedom Theatre?

Jonatan Stanczak (JS): Wir sehen das Freedom Theatre als sehr wichtigen Teil der palästinensischen Widerstandskultur. Denn wenn man Widerstand ohne Kultur leistet, dann wird eine Form der Unterdrückung auf die nächste folgen. Kultur ist ein feines Netz, das uns Menschen verbindet und uns möglich macht, eine Gemeinschaft zu gründen. Unsere Arbeit im Theater will die Normen der Gesellschaft und ihre Machtstrukturen hinterfragen. Das wollen wir mit unserer dreijährigen Schauspielausbildung am Theater erreichen. Unsere Vision ist es, ein bekanntes Zentrum des Widerstandes in Palästina zu sein und uns den Herausforderungen der Besatzung zu stellen.

EL: Welche Herausforderungen sind das?

JS: Wir sprechen dabei von vier verschiedenen Arten der Besatzung. Einmal die israelische, dann drei innere Besatzungen, die der Palästinensischen Autonomiebehörde, die der kapitalistischen Wirtschaft und der Hilfe durch das Ausland und als vierte und wichtigste unsere selbstverschuldete Unterdrückung. Man kann nicht eine alleine bekämpfen, sie hängen alle zusammen. Es beginnt alles bei uns selbst und da setzen wir im Theater an.

EL: Der erste Direktor Juliano Mer-Khamis wurde auf der Straße in Jenin in seinem Auto erschossen. Bis heute ist unklar, ob der Täter aus Israel, von der palästinensischen Regierung, oder sogar aus den Widerstandsreihen kam. Der Mord wurde bis heute nicht aufgeklärt. Orientieren sich Ihre Pläne für das Theater an denen, die Mer-Khamis hatte? 

JS: Das weiß ich nicht, weil es schwer zu sagen ist, was er wollte. Er war eine sehr komplexe Persönlichkeit. Aber da ich vier Jahre lang mit ihm gearbeitet habe, denke ich, das ist, was auch er wollte und wie er die Situation analysiert hat. Die Lage in Palästina ist auch nicht einzigartig. Es ist die Lage einer jeden unterdrückten Gesellschaft, egal ob wir von den Ureinwohnern oder den Afroamerikanern in den USA sprechen oder über jedes andere postkoloniale Land, das mit internen Auseinandersetzungen kämpft. Wir müssen aus unserer Opferrolle und unserer Unmündigkeit heraustreten und dürfen uns nicht länger von Kräften von außen manipulieren lassen. Das haben wir auch in unserem Stück „Suicide Note from Palestine“ gezeigt, das auch in Berlin lief.

EL: Früher haben die Stücke des Theaters meistens von der Besatzung und dem Leid der Palästinenser gehandelt, heute geht es mehr um die palästinensische Gesellschaft, die Familie, die Rolle der Frau und Kinder. Warum hat sich das verändert?

JS: Eigentlich hat es sich nicht verändert, wir haben schon immer innere und äußere Konflikte behandelt. Das erste Stück des Theaters war „Animal Farm“ über die Mechanismen von Unterdrückung, dann hat Juliano als letztes vor seinem Tod „Alice in Wonderland“ inszeniert, da ging es um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, um Wünsche, Liebe, Erwartungen, Unterdrückung und Macht. Und auch nach Julianos Tod haben wir Stücke über Strukturen in der Gesellschaft gemacht.

EL: War es schwierig, bei den Schauspielschülern die Motivation zu erhalten, nachdem der vielgeschätzte Direktor ermordet wurde?

JS: Motivation war nicht das Problem, aber interne Konflikte. Alle verdächtigten und beschuldigten sich gegenseitig, Verräter oder an dem Mord beteiligt zu sein. Alle hatten Angst. Heute haben wir wieder zu alter Form zurückgefunden. Wir arbeiten an drei Stücken gleichzeitig, 2015 touren wir mit „The Siege“ in die USA und nach England.

EL: Was wollen sie in der Zukunft verändern?

JS: Wir wollen viel mehr mit Kindern arbeiten. Wir haben aber noch kein Programm fertig stellen können. Das hat damit zu tun, dass Theater für Kinder immer als einfach und anspruchslos angesehen wird. Den Machern locken weder Ruhm noch Reichtum. Dabei erfordert es höchste Spezialisierung und viel Geduld. Es braucht lange, um die falsche Ansicht über Kindertheater zu ändern. Wir haben es schon oft versucht und sind oft gescheitert, aber wir wollen dranbleiben.

Das „Freedom Theatre“ befindet sich im Flüchtlingslager, das vom Ortszentrum fußläufig in 15 Minuten zu erreichen ist. Vor Ort erklären die Studenten den Besuchern gerne die Geschichte des Theaters, das Programm oder führen durch die Räumlichkeiten.

Mehr Informationen und der aktuelle Spielplan unter: www.thefreedomtheatre.org

 

Zitate von Jonatan Stanczak:

„Unsere Vision ist es, ein bekanntes Zentrum des Widerstandes in Palästina zu sein und uns den Herausforderungen der Besatzung zu stellen.“

„Die Lage in Palästina ist nicht einzigartig. Es ist die Lage einer jeden unterdrückten Gesellschaft.“

„Wir müssen aus unserer Opferrolle und unserer Unmündigkeit heraustreten und dürfen uns nicht länger von Kräften von außen manipulieren lassen.“